Ubuntu Touch am Fairphone 3

TL;DR: Das Fairphone wird noch nicht offiziell unterstützt und in einigen Punkten merkt man das leider. OpenStore Apps sind teilweise noch sehr fehlerhaft, Libertine gleicht vieles aus, ist aber für den Endanwender noch ein bisschen zu kompliziert.

Fazit: Absolute Empfehlung für Bastler und Technikfans, für Standardbenutzer derzeit nur sehr begrenzt benutzbar.

Gleich vorweg und am Beginn des Artikels: Das Fairphone 3 wird derzeit von Ubuntu Touch noch nicht unterstützt. Es existiert eine Community Version, welche meiner Meinung nach GUT läuft, für ein SEHR GUT reicht es aber noch nicht. Doch fangen wir am besten am Anfang an. 🙂

Die Installation erfolgt händisch, der Ubuntu Touch Installer unterstützt das Fairphone 3 noch nicht. Dabei wichtig zu erwähnen ist, dass der Fairphone 3 Bootloader zuerst per Code mittels «OEM Unlocking» entsperrt werden muss. Dies wird über die offizielle Fairphone Seite gemacht und ist kostenlos. Benötigt wird dafür die IMEI Nummer von SIM 1 und die Seriennummer. Aber Achtung: Ich habe mehrere Codes versucht, welche alle nicht funktioniert haben. Nach einer kurzen Suche im Internet fand ich die Problemlösung – das Fairphone muss die letzte Software Version (Android 10) installiert haben – danach funktioniert es problemlos und auch sofort.

Nun können wir mit ADB und FASTBOOT mit der Installation beginnen. Dazu laden wir uns die letzten Artifacts.zip Datei aus dem Github Archiv und spielen die system.img und boot.img mittels “fastboot” auf dem Fairphone 3 ein. Eine genaue Anleitung, wie das funktioniert kann man ihr hier finden: Fairphone 3 (FP3) Port | UBports Forum. Der ganze Vorgang (Installation und Neustart) dauerte bei mir gerade einmal 15 Minuten, wichtig ist aber das ihr den Bootloader danach nicht wieder sperrt. Ansonsten startet euer Telefon nicht mehr und im schlimmsten Fall muss dann die Installation wiederholt werden.

Der erste Start, der Desktop und die Bedienung

Der erste Start lässt mich vergessen, dass ich auf einem Mobiltelefon bin. Es präsentiert sich der gewohnte Standard Desktop von Ubuntu, durch einen Klick auf das Ubuntu Logo in der linken unteren Ecke öffnet sich mir die Programmauswahl, darüber werden mir «gepinnte» Programmsymbole sowie auch geöffnete Programme angezeigt.

Sobald ich mit dem Finger vom oberen Bildschirmrand herunterwische, erscheinen die wichtigsten Kontrollelemente wie Benachrichtigungen, Sound-, Netzwerk- oder Zeiteinstellungen. Ein Wischen vom rechten Bildschirmrand in die Mitte öffnet mir den Taskmanager. Hier kann ich schnell zwischen geöffneten Programmen hin- und herspringen, oder diese einfach mit einem Wisch nach oben schliessen.

App Installation (openstore)

Der integrierte Appstore von Ubuntu Touch nennt sich OpenStore (Browse Apps – OpenStore (open-store.io)). Er enthält offizielle UBPorts Apps, sowie auch einiges von unabhängigen Entwicklern. Das Erste, was mir hier auffällt, ist ein Hinweis beim Download einer App den Entwickler zu unterstützen. Diese Einblendung hat sicher eine gewisse Berechtigung, was mich persönlich stört ist, dass diese bei jeder Software erscheint, die ich herunterladen will. Dies kann, je nach Anzahl an heruntergeladener Produkten, sehr störend, ja fast schon nervend sein. Ich hoffe auf jeden Fall, dass es hier noch eine Verbesserung gibt. Ansonsten findet sich für fast alle meine Bedürfnisse eine App – egal ob Telegram, Signal, Mastodon oder auch die Anbindung zu meiner Nextcloud (Kalender, Notizen) – ich werde meistens fündig. Einzig bei der Anbindung meiner Smartwatch (Amazfit BIP) und bei meiner Messenger App “Threema” finde ich keine Lösung. Bei Threema habe ich auch gleich direkt im Pressezentrum angefragt, ob sich hier noch was ändert, habe aber bis jetzt noch keine Antwort erhalten.

Es gibt auch (derzeit?) keinen Spotify Client, welcher sich einfach aus dem App Store herunterladen lässt. Einzige Möglichkeit, welche ich bei der Entstehung dieses Artikels noch nicht versucht habe, ist mittels Libertine. Doch, apropos Libertine …

Libertine

Bei Libertine wurde mein Nerdherz gleich um ein paar Schläge schneller und brauchte einige Zeit um sich wieder zu beruhigen. Diese Funktion kann man am besten mit einer KVM Umgebung oder einer Docker Umgebung vergleichen. Dabei wird eine eigene virtuelle Linux Maschine erstellt, in welcher man Standard Applikationen mittels «APT» installieren kann. Das funktionierte auf Anhieb mit Firefox, Thunderbird und Keepass. Die installierten Programme erscheinen dann normal im Programmmenü und können mit einem Klick ausgeführt werden. Einziges Manko dabei ist, das nicht alle Programme angepasst sind. Thunderbird und Firefox starten zwar schnell, aber zeigen eine so hohe Auflösung an, dass es unmöglich ist genaueres auf dem Display zu erkennen. Es gibt hier sicher irgendwo noch einen Trick diese Auflösung zu verstellen, bei meinem kurzen Test konnte ich diese aber nicht finden.

Nicht ganz so tolles

Leider ist Ubuntu Touch auf dem Fairphone 3 nicht komplett fehlerfrei, aber da ich wirklich begeistert bin, möchte ich einfach das Wort “Negativ” nicht verwenden. Die folgenden Eigenheiten sind mir aufgefallen und bedürfen sicher noch einer genaueren Analyse meinerseits.

So passiert es mir permanent, dass mein WLAN Passwort «verloren geht» und dadurch die Verbindung zum Internet getrennt wird. Nach einer erneuten Eingabe stellt es wieder eine Verbindung zum Internet her. Des Weiteren ist es mir bis jetzt nicht gelungen den Fingerabdruckscanner zum Laufen zu bringen. Auch nach mehreren Neustarts und sogar einer Neuinstallation gelang es mir nicht.

Oft habe ich das Gefühl, das die Performance nicht optimal ist. Bei manchen Programmstarts warte ich mehrere Sekunden, bis sich endlich etwas an der Anzeige ändert. Die Erstellung einer Libertine Umgebung dauerte auch etwas sehr lange – geschlagene 1.5h musste ich warten bis alles fertig installiert war, danach musste ich mich noch um die Updates kümmern und diese installieren. Und dies trotz einer guten WLAN-Anbindung und einer dicken Internet-Leitung. Sobald die Libertine Umgebung aber fertig installiert ist, arbeitet diese flüssig.

Bei vielen Programmen im OpenStore merkt man das diese zu früh veröffentlich wurden. Oft findet man eine Liste von «bekannten Fehlern» in der App Beschreibung, welche man hofft mit einem der nächsten Updates zu beheben, dass es sich aber dabei teilweise um essenzielle Funktionen handelt, hilft leider nicht bei der Auswahl. Oft hat man die Wahl zwischen «Pest und Cholera», das eine Programm enthält eine benötigte Funktion, die ein anderes Programm derzeit noch nicht enthält und umgekehrt.

Fazit

Nach nur 1 Abend mit Ubuntu Touch bin ich ehrlich gesagt zufrieden. Klar, wir reden hier nicht von einem offiziell unterstützten Gerät und es gibt sicher noch einiges zu tun, aber die bisherigen Erfahrungen und Ansätze sind sehr gut. Während meiner Nutzung konnte ich weder über einen Absturz noch über einen überdurchschnittlichen Akkuverbrauch klagen. Manchmal habe ich zwar das Gefühl, das die Systemperformance nicht 100 % optimal ist, dies kann aber auch an zu viel geöffneten Programmen und Libertine Anwendungen liegen. Da das Fairphone 3 aber auch «nur» ein Mittelklassenhandy bei der Leistung ist, bin ich mir sicher das dies auf anderen Modellen reibungsloser funktioniert.

Für den täglichen Gebrauch und vor allem für Standard Anwender ohne grosses Leidenschaft zum Basteln ist diese Version meiner Meinung nach nicht empfehlenswert. Zu viel kann derzeit nur über Umwege erreicht werden (Stichwort: Spotify), aber für einen Technik-Nerd wie ich es einer bin, bietet es sehr viel. Alleine meine ersten Ideen mit Libtertine machen es für mich spannend dieses Abenteuer zu bestreiten.

Ubuntu Touch wird mich auf jeden Fall die nächsten Tage und Wochen begleiten – und sicher auch noch für den einen oder anderen Blogartikel sorgen. Meine nächste Umsetzung wird auf jeden Fall das Problem mit Spotify sein. 😊

Bis bald hier auf diesem Blog und bleibt Gesund!

Dominique

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